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Tiffany's Flagship Store


Die Millionen-Dollar-Babys

4.5.2007  Der Standard

Tiffany's Flagship Store auf der Fifth Avenue ist wahrscheinlich das berühmteste Schmuckhaus der Welt Hier lagern Steine von unermesslichem Wert. Stephan Hilpold wurde ein exklusiver Blick hinter die Kulissen gewährt

Glanz hat der Stein in der kleinen, schmutzigen Plastikschatulle keinen. Seine Oberfläche ist mit einer trüben Klebefolie versehen, die Unterseite in ein Stückchen Wachs gedrückt. Normalerweise werden so Insekten in Schaukästen aufbewahrt. Im siebten Stockwerk des Gebäudes an der Fifth Avenue, Ecke 57. Straße, beinhalten die kleinen Plastikschatullen dagegen Diamanten: Steine von drei Karat und mehr. Geringer darf das Gewicht nicht sein. Ehrfurcht ob der Summen, die im Spiel sind, ist den Arbeitern keine ins Gesicht geschrieben. 

Es ist kurz vor Mittag an einem noch winterlichen Frühlingstag in New York. Im siebten Stockwerk herrscht geschäftige Stille. Gerade haben die Arbeiter ihre Tai-Chi-Übungen beendet. "Wir machen sie zweimal am Tag", erklärt Bill Perrakis, "irgendwann macht sonst der Rücken nicht mehr mit." Unter dem Arbeitskittel trägt er Hemd und Krawatte - genauso wie seine Kollegen auch. Sie stammen aus Polen, Burma, Japan, China oder Kolumbien. Nur einer der 15 Männer, die hier arbeiten, ist Amerikaner.

Bill kommt aus Griechenland. Er ist seit 17 Jahren im Unternehmen und arbeitet seit einigen Jahren hier im siebten Stock des Gebäudes auf der New Yorker Upper East Side - mit Blick auf den Central Park. "Hier arbeiten nur die Besten", sagt er, und man merkt, dass er diesen Satz genau so meint, wie er ihn trocken sagt. 

Fifth Avenue

Fifth Avenue, Ecke 57. Straße. Tiffany & Co. Das 1940 errichtete Gebäude ist eines der Wahrzeichen New Yorks. Genauso wie das Chrysler oder Empire State Building. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen die Touristen und fotografieren die berühmte Atlas-Uhr über dem Art-déco-Eingang. Mit der wuchtigen Granit- und Marmorfassade sieht das Ganze ein bisschen aus wie eine Bastion. Seit beinahe 70 Jahren verteidigt sie Amerikas guten Geschmack. Tiffany, das ist für Amerikaner so etwas wie Chanel für Franzosen. Ein Bewahrer zeitloser Werte. Große Änderungen sind beim Silberschmied und Edeljuwelier keine gewünscht. Nach sieben Jahren Umbau, in denen immer wieder andere Bereiche des Gebäudes gesperrt waren, wurde der Flagship Store vergangenen Herbst in seiner ganzen Pracht neu präsentiert.

Viel geändert hat sich trotzdem nicht, die Teakholz-Wände im Erdgeschoß strahlen höchstens dunkler und die Juwelen noch intensiver hinter den hölzernenen Verkaufskojen. Gleich beim Eingang links lagert hinter Panzerglas der "Tiffany-Diamant", ein gelber Diamant mit unglaublichen 287,42 Karat. Vom günstigen Silberschmuck, der vor einigen Jahren dem Ruf von Tiffany zugesetzt hat, keine Spur. Hier könne nie etwas Schlechtes passieren, hatte Audrey Hepburn als Holly Golightly in "Frühstück bei Tiffany" gesagt, und es scheint dieser Spruch zu sein, der unsichtbar unter der hohen Kassettendecke hängt.

Milch mit Honig

Für die Geschäftsführerin Wendy Eagan ist er wie Milch mit Honig. Doch leider haben Filme mit dem richtigen Leben wenig zu tun. Es war unter ihrer Ägide, dass die Silberanhänger und preisgünstigeren Schmuck- und Geschenkartikel im Zuge des Umbaus und der Schärfung von Tiffanys Profil vom zweiten in den dritten Stock wanderten. "Tiffany gründet sich auf Haushalts- und Silberware", erklärt Eagan, "sie waren die ersten Produkte, die Charles Lewis Tiffany 1837 in seinem Geschäft führte." Verbannen wolle man diesen Zweig nicht. Unausgesprochener Zusatz: allzu sehr in den Vordergrund rücken aber auch nicht. Schließlich sind es Höchstpreisjuweliere wie Cartier oder Bulgari, gegen die sich Tiffany heute behaupten muss. Das Image muss mit allen Mitteln hochgehalten werden. Touristen, die wegen eines Mitbringsels vor dem Geschäft Schlange stehen, stören dabei nur.

Für die funkelnden Vorzeigestücke sorgen die Arbeiter im siebten Stock. Ohne ausdrückliche Genehmigung hat hier niemand Zutritt. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Der Grieche Bill arbeitet mit einer kleinen Feile gerade an einer Brosche in Form eines Paradiesvogels. Er wird Aquamarine, Saphire und Diamanten enthalten, derzeit sägt er an einem der zierlichen Flügel aus Platin. Etwa 1000 Stunden rechnet er für die Gesamtarbeitszeit, die genaue Stundenanzahl kann er erst nach Fertigstellung der Brosche sagen. "30 Stunden beträgt allein die Polierphase." Fotografieren darf man den schillernden Paradiesvogel nicht. Er ist als eines der Prachtstücke für das nächste "Blue Book" vorgesehen, den alljährlichen, legendären Tiffany-Katalog.

Leistungsschau

Ihn gibt es bereits seit 1845, und er ist so etwas wie die Leistungsschau des amerikanischen Preziosenhauses. Im jüngsten Exemplar macht ein 27,19 karätiger Diamant an einer zur Gänze mit Diamanten bestückten Halskette den Auftakt: Sein unverhandelbarer (das ist Unternehmenspolitik) Verkaufspreis: 2,6 Millionen Dollar. Ihm folgen Ringe mit blauen, pinken oder gelben Diamanten, eine Kette mit einem grünen Turmalin, Halsbänder mit Saphiren. Ab Seite 48 Neuauflagen von klassischen Stücken des Designers Jean Schlumberger. Er arbeitete über mehrere Jahrzehnte für Tiffany und ist für seine Blumen, Vögel und Unterwasserdesigns berühmt. Insgesamt sind es nur drei Designer, die dem Haus ihren Stempel aufgedrückt haben. Neben Schlumberger ist das noch Elsa Peretti, die naturalistische Formen abstrakt verformte, und Paloma Picasso, die in ihren Farbkombinationen Akzente setzte. Im vergangenen Jahr kam noch ein vierter Designer hinzu, und zwar der Architekt Frank Gehry. Er übertrug seine dekonstruierten organischen Formen auf Schmuckstücke und leistete damit einen nicht unwesentlichen Beitrag, eine jüngere Kundschaft für das Haus zu gewinnen.

Das ist notwendig: In den USA, zumal in New Yorks besseren Kreisen, hat Tiffany noch immer eine Vorrangstellung, was Verlobungs-, Hochzeits- oder Jubiläumsringe angeht. Der Symbolcharakter der "tiffanyblauen" Geschenkboxen (die ja eigentlich türkis sind) ist höchstens mit jenem der orangefarbenen Schachteln von Hermès zu vergleichen. Doch das Geschäft auf der Fifth Avenue ist mittlerweile in erster Linie Aushängeschild eines weltweit agierenden Unternehmens. Am Ende des abgelaufenen Geschäftsjahres hatte man 167 Boutiquen, davon 103 im Ausland. Den Jahresumsatz steigerte man im vergangenen Jahr um elf Prozent auf 1,96 Milliarden Euro. Im Herbst eröffnete man an der Wall Street das zweite New Yorker Geschäft. Nur mit dem guten Namen allein lassen sich die Geschäfte nicht mehr führen. Die neue Strategie von Konzernchef Michael J. Kowalski, schrieb die New York Times in einem großen Artikel vor drei Monaten, sei, den Namen Tiffany wieder funkeln zu lassen.

Für die 15 Männer im siebten Stock des Art- déco-Hauses auf der Fifth Avenue kommt auch gar nichts anderes infrage. Sie sind so etwas wie die Crème der Schmuckmacher - zuständig für die besonders diffizilen (und wertvollen) Fälle. Wirkliche Juweliere, erklärt Bill, seien rar. Schließlich könne man nicht jeden an die Millionen-Dollar-Babys lassen. Eine Skizze des Schmuckstücks, an dem er in den nächsten Wochen arbeiten wird, liegt bereits vor ihm: eine einfache Kette mit einem Diamanten dran. Ein Zwölfkaräter. Sein Wert wird nicht verraten. Er liegt bereits auf der Werkbank vor Bill Perrakis - in einer hässlichen Plastikschatulle. (Der Standard/rondo/4/5/2007)