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Glanz hat der Stein in der kleinen, schmutzigen
Plastikschatulle
keinen. Seine Oberfläche ist mit einer trüben Klebefolie versehen, die
Unterseite in ein Stückchen Wachs gedrückt. Normalerweise werden so
Insekten in Schaukästen aufbewahrt. Im siebten Stockwerk des Gebäudes
an der Fifth Avenue, Ecke 57. Straße, beinhalten die kleinen
Plastikschatullen dagegen Diamanten: Steine von drei Karat und mehr.
Geringer darf das Gewicht nicht sein. Ehrfurcht ob der Summen, die im
Spiel sind, ist den Arbeitern keine ins Gesicht geschrieben.
Es ist kurz vor Mittag an einem noch winterlichen
Frühlingstag in New
York. Im siebten Stockwerk herrscht geschäftige Stille. Gerade haben
die Arbeiter ihre Tai-Chi-Übungen beendet. "Wir machen sie zweimal am
Tag", erklärt Bill Perrakis, "irgendwann macht sonst der Rücken nicht
mehr mit." Unter dem Arbeitskittel trägt er Hemd und Krawatte - genauso
wie seine Kollegen auch. Sie stammen aus Polen, Burma, Japan, China
oder Kolumbien. Nur einer der 15 Männer, die hier arbeiten, ist
Amerikaner.
Bill kommt aus Griechenland. Er ist seit 17 Jahren
im Unternehmen und
arbeitet seit einigen Jahren hier im siebten Stock des Gebäudes auf der
New Yorker Upper East Side - mit Blick auf den Central Park. "Hier
arbeiten nur die Besten", sagt er, und man merkt, dass er diesen Satz
genau so meint, wie er ihn trocken sagt.
Fifth Avenue
Fifth Avenue, Ecke 57. Straße. Tiffany &
Co. Das 1940
errichtete Gebäude ist eines der Wahrzeichen New Yorks. Genauso wie das
Chrysler oder Empire State Building. Auf der gegenüberliegenden Seite
stehen die Touristen und fotografieren die berühmte Atlas-Uhr über dem
Art-déco-Eingang. Mit der wuchtigen Granit- und Marmorfassade sieht das
Ganze ein bisschen aus wie eine Bastion. Seit beinahe 70 Jahren
verteidigt sie Amerikas guten Geschmack. Tiffany, das ist für
Amerikaner so etwas wie Chanel für Franzosen. Ein Bewahrer zeitloser
Werte. Große Änderungen sind beim Silberschmied und Edeljuwelier keine
gewünscht. Nach sieben Jahren Umbau, in denen immer wieder andere
Bereiche des Gebäudes gesperrt waren, wurde der Flagship Store
vergangenen Herbst in seiner ganzen Pracht neu präsentiert.
Viel geändert hat sich trotzdem nicht, die
Teakholz-Wände im Erdgeschoß
strahlen höchstens dunkler und die Juwelen noch intensiver hinter den
hölzernenen Verkaufskojen. Gleich beim Eingang links lagert hinter
Panzerglas der "Tiffany-Diamant", ein gelber Diamant mit unglaublichen
287,42 Karat. Vom günstigen Silberschmuck, der vor einigen Jahren dem
Ruf von Tiffany zugesetzt hat, keine Spur. Hier könne nie etwas
Schlechtes passieren, hatte Audrey Hepburn als Holly Golightly in
"Frühstück bei Tiffany" gesagt, und es scheint dieser Spruch zu sein,
der unsichtbar unter der hohen Kassettendecke hängt.
Milch mit Honig
Für die Geschäftsführerin Wendy Eagan ist er wie
Milch mit Honig. Doch
leider haben Filme mit dem richtigen Leben wenig zu tun. Es war unter
ihrer Ägide, dass die Silberanhänger und preisgünstigeren Schmuck- und
Geschenkartikel im Zuge des Umbaus und der Schärfung von Tiffanys
Profil vom zweiten in den dritten Stock wanderten. "Tiffany gründet
sich auf Haushalts- und Silberware", erklärt Eagan, "sie waren die
ersten Produkte, die Charles Lewis Tiffany 1837 in seinem Geschäft
führte." Verbannen wolle man diesen Zweig nicht. Unausgesprochener
Zusatz: allzu sehr in den Vordergrund rücken aber auch nicht.
Schließlich sind es Höchstpreisjuweliere wie Cartier oder Bulgari,
gegen die sich Tiffany heute behaupten muss. Das Image muss mit allen
Mitteln hochgehalten werden. Touristen, die wegen eines Mitbringsels
vor dem Geschäft Schlange stehen, stören dabei nur.
Für die funkelnden Vorzeigestücke sorgen die
Arbeiter im siebten Stock.
Ohne ausdrückliche Genehmigung hat hier niemand Zutritt. Die
Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Der Grieche Bill arbeitet mit einer
kleinen Feile gerade an einer Brosche in Form eines Paradiesvogels. Er
wird Aquamarine, Saphire und Diamanten enthalten, derzeit sägt er an
einem der zierlichen Flügel aus Platin. Etwa 1000 Stunden rechnet er
für die Gesamtarbeitszeit, die genaue Stundenanzahl kann er erst nach
Fertigstellung der Brosche sagen. "30 Stunden beträgt allein die
Polierphase." Fotografieren darf man den schillernden Paradiesvogel
nicht. Er ist als eines der Prachtstücke für das nächste "Blue Book"
vorgesehen, den alljährlichen, legendären Tiffany-Katalog.
Leistungsschau
Ihn gibt es bereits seit 1845, und er ist so etwas
wie die
Leistungsschau des amerikanischen Preziosenhauses. Im jüngsten Exemplar
macht ein 27,19 karätiger Diamant an einer zur Gänze mit Diamanten
bestückten Halskette den Auftakt: Sein unverhandelbarer (das ist
Unternehmenspolitik) Verkaufspreis: 2,6 Millionen Dollar. Ihm folgen
Ringe mit blauen, pinken oder gelben Diamanten, eine Kette mit einem
grünen Turmalin, Halsbänder mit Saphiren. Ab Seite 48 Neuauflagen von
klassischen Stücken des Designers Jean Schlumberger. Er arbeitete über
mehrere Jahrzehnte für Tiffany und ist für seine Blumen, Vögel und
Unterwasserdesigns berühmt. Insgesamt sind es nur drei Designer, die
dem Haus ihren Stempel aufgedrückt haben. Neben Schlumberger ist das
noch Elsa Peretti, die naturalistische Formen abstrakt verformte, und
Paloma Picasso, die in ihren Farbkombinationen Akzente setzte. Im
vergangenen Jahr kam noch ein vierter Designer hinzu, und zwar der
Architekt Frank Gehry. Er übertrug seine dekonstruierten organischen
Formen auf Schmuckstücke und leistete damit einen nicht unwesentlichen
Beitrag, eine jüngere Kundschaft für das Haus zu gewinnen.
Das ist notwendig: In den USA, zumal in New Yorks
besseren Kreisen, hat
Tiffany noch immer eine Vorrangstellung, was Verlobungs-, Hochzeits-
oder Jubiläumsringe angeht. Der Symbolcharakter der "tiffanyblauen"
Geschenkboxen (die ja eigentlich türkis sind) ist höchstens mit jenem
der orangefarbenen Schachteln von Hermès zu vergleichen. Doch das
Geschäft auf der Fifth Avenue ist mittlerweile in erster Linie
Aushängeschild eines weltweit agierenden Unternehmens. Am Ende des
abgelaufenen Geschäftsjahres hatte man 167 Boutiquen, davon 103 im
Ausland. Den Jahresumsatz steigerte man im vergangenen Jahr um elf
Prozent auf 1,96 Milliarden Euro. Im Herbst eröffnete man an der Wall
Street das zweite New Yorker Geschäft. Nur mit dem guten Namen allein
lassen sich die Geschäfte nicht mehr führen. Die neue Strategie von
Konzernchef Michael J. Kowalski, schrieb die New York Times in einem
großen Artikel vor drei Monaten, sei, den Namen Tiffany wieder funkeln
zu lassen.
Für die 15 Männer im siebten Stock des Art-
déco-Hauses auf der Fifth
Avenue kommt auch gar nichts anderes infrage. Sie sind so etwas wie die
Crème der Schmuckmacher - zuständig für die besonders diffizilen (und
wertvollen) Fälle. Wirkliche Juweliere, erklärt Bill, seien rar.
Schließlich könne man nicht jeden an die Millionen-Dollar-Babys lassen.
Eine Skizze des Schmuckstücks, an dem er in den nächsten Wochen
arbeiten wird, liegt bereits vor ihm: eine einfache Kette mit einem
Diamanten dran. Ein Zwölfkaräter. Sein Wert wird nicht verraten. Er
liegt bereits auf der Werkbank vor Bill Perrakis - in einer hässlichen
Plastikschatulle. (Der Standard/rondo/4/5/2007)
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