Die beste Idee seines Lebens kam Walter Wittek, als er dachte, es sei alles aus. Es war ein Spätsommertag im Jahr 1979, und der Bildhauer und Goldschmied arbeitete in seinem Atelier an einer kleinen Skulptur. Ein ringförmiges Objekt, das trotz riskanter Schieflage nicht umfallen sollte. Bis jetzt war alles gut gegangen: Er hatte gedreht, geschmiedet, gefeilt und schließlich aus dem Reif ein Stück herausgeschnitten. Vorsichtig spannte er in die Fuge eine Glasscheibe ein. Als durchsichtige Stütze sollte sie die Skulptur zum Schweben bringen.
Wittek nahm das Werkstück aus der Halterung - da zersprang die Scheibe in winzige Teile. Enttäuscht starrte er auf die Überreste seiner Arbeit: Nur noch ein kleines Bröckchen Glas steckte in der Fuge. Er hätte fluchen können, stattdessen musste er plötzlich lächeln. Das ist es, murmelte er. Ich mache einen Ring, in dem ein Diamant eingespannt ist. Einen Spannring!
Der deutsche Schmuckhersteller Niessing ließ Walter Wittek den Ring entwickeln und bauen - eine visionäre Entscheidung. Bislang hat Niessing kein Schmuckstück so häufig verkauft wie diesen Ring. "Ich hatte ihn aus Platin geformt und einen zarten Diamanten ohne Fassung eingespannt. Er erschien massiv und trotzdem filigran", erinnert sich Wittek. Noch heute, 27 Jahre später, steht der Spannring für eine Innovation im Schmuckdesign: den modernen Minimalismus. Die Anhänger dieses Stils begeistern sich für klare, reduzierte Formen, sie finden: Weniger ist mehr. Mit überbordenden Juwelen, die ihre Bedeutung herauszuschreien scheinen, können diese Puristen nichts anfangen. "Unsere Kunden bevorzugen den zurückhaltenden und zugleich eleganten Look", sagt Niessing-Chefdesigner Timo Küchler.
Meister der maßgeschneiderten geometrischen Formen
Auf Walter Witteks richtungsweisenden Spannring folgten zahlreiche Varianten, darunter der Ring "Dame", eines der schönsten Stücke in der aktuellen Niessing-Kollektion. "Er sieht aus wie ein lang gezogener, geschwungener Goldbarren, dessen Enden sich nach außen einrollen", beschreibt Küchler seinen Entwurf, der an ein kopfstehendes Omega erinnert. "Das schwere Gold lässt ihn sinnlich und opulent wirken, die Form ist jedoch schlicht geblieben."
Der scheinbare Widerspruch ist typisch für den Minimalstil im Schmuckdesign. "Trotz oder gerade wegen seiner einfachen Linienführung kann ein Stück großen Eindruck auf die Sinne machen. Auf die Form kommt es an, nicht auf die dekorative Oberfläche. Man muss nur seinen Spieltrieb im Zaum halten und hervorragende Materialien verarbeiten", sagt Anthony Power, Goldschmied und Miteigentümer von Cox & Power in London.
Der britische Schmuckdesigner und sein Kompagnon gelten als Meister der maßgeschneiderten geometrischen Form. Ihre handgearbeiteten Kreationen kommen gut an, bei Architekten wie Norman Foster und Richard Rogers und vielen anderen Bewunderern, die in der ausgewogenen, abstrakten Proportion ihren Sinn für Ästhetik widergespiegelt finden. Auch bei der Verwendung von Diamanten, Perlen und farbigen Steinen lassen Cox & Power keine dekorativen Konventionen gelten. So betten sie bei einem sehr eleganten Cocktail-Ring aus Gelbgold und Platin sieben kristallklare Diamanten in eine ovale Scheibe, streng nebeneinander ausgerichtet wie Rekruten beim Morgenappell. Die Botschaft ist simpel: Hier sprechen Werte ohne Brimborium für sich selbst - die reduzierte Form und die kostbarste Modifikation des Kohlenstoffs. Mehr Inszenierung hat die Frau, die einen solchen Ring trägt, nicht nötig.
Inspiriert vom Bauhaus und der neuen Sachlichkeit
"Bei dieser Art von Schmuck geht es um die Harmonie zwischen Technologie und Design. Das ist seit jeher die Grundlage des Modernismus", sagt Power und verweist darauf, dass sich Schmuckkünstler den Einflüssen der Technologie, des Futurismus und Industriedesigns sehr früh geöffnet hätten. Tatsächlich versuchten bereits in den 20er Jahren Art-déco-Goldschmiede wie Jean Fouquet oder Raymond Templier, einen dem Maschinenzeitalter gemäßen Stil zu begründen. So erinnert eine mit Diamanten bestückte Templier-Brosche aus dem Jahr 1928 bei aller Eleganz an ein industriell gefertigtes Klappmesser.
Templier war ein Vorreiter, denn erst in den 70ern, als auch Niessings Spannring entstand, setzte sich das moderne Design auf breiter Ebene durch. Maßgeblichen Anteil hatte daran ein weiterer deutscher Schmuckhersteller: Hemmerle. "Ich war inspiriert vom Bauhaus und der neuen Sachlichkeit und wollte klare Linien und pure Formen in meinen Schmuck hineinbringen", sagt Chefdesigner Stefan Hemmerle, der das Familienunternehmen seit 1971 führt. "Zunächst verarbeiteten wir neben Silber und Feingold zunehmend Platin, dann bestückten wir auch Edelstahl und Kupfereisen mit Edelsteinen, und heute darf es sogar Holz sein."
Das Ergebnis: perfekt gearbeitete Stücke, die sich durch ein Minimum an Verspieltheit und ein Maximum an Wirkung auszeichnen. Die Linienführung ist kompromisslos, die Wahl schmückender Materialien, beispielsweise extrem seltener, orangefarbener Melo-Perlen, ebenso. Markant modern und charakteristisch für Hemmerles Stil ist ein Weißgoldarmband, das in seiner Geradlinigkeit einem Eisenbahngleis gleicht: Die grau gebürsteten Schienen liegen in einem Bett aus quadratisch angeordneten naturbraunen Brillanten. Nur wer Luxus als Selbstverständlichkeit auffasst, präsentiert ihn mit so viel Understatement. Vergleichsweise auffällig wirkt da ein Ring aus geschwärztem Eisen, auf dem ein Kissendiamant ruht. "Die Idee zu diesem Stück entwickelte ich dank einer Dame, die nur Eisenschmuck trägt. Sie wollte etwas Neues haben, das zu ihrem Stil passt, edel ist und zu jedem Anlass getragen werden kann", erklärt der Designer. Hart und weich, bescheiden und wertvoll soll der Ring wirken - ein Look, den laut Hemmerle vor allem die Kunstkenner unter seinen Kunden schätzen.
Verzicht auf dekorative Zutaten
Mut zum ungeschminkten Purismus beweisen auch Vivianna Torun Bülow-Hübe, die für den dänischen Juwelier Georg Jensen unter anderem den Möbius-Armreif entwarf, und die Tiffany-Designerin Elsa Peretti. Zwar sucht Letztere ihre Inspiration eher in der organischen als in der mathematischen Welt, beide verzichten jedoch auf dekorative Zutaten und verlassen sich in ihren Kollektionen auf die Kraft der schlichten Form. Elsa Perettis Haarspange für Tiffany etwa erinnert an einen archäologischen Fund, ein glatt geschliffenes Knochenfragment vielleicht, mit dem sich vor Jahrtausenden eine Frau das Haar hochgesteckt haben könnte. Das massive, mit Gold lackierte Stück hält mit nur zwei Zacken in der Frisur und ruft mittels seiner skulpturalen Anmutung Assoziationen an Motive des surrealistischen Malers Salvador Dalí hervor.
"Viele Designer finden Anregungen bei der plastischen oder bildenden Kunst, aber auch bei zeitgenössischer Architektur", meint Niessings Chefdesigner Timo Küchler. Da das Konzept der Sachlichkeit in diesen Künsten schon lange etabliert ist, bieten sie einen reichen Fundus. Küchler selbst nimmt beispielsweise gern Bezug auf die monochromen Bilder von Yves Klein. "Seine Serie blauer Bilder etwa ist einzig und allein auf die Farbe reduziert. Das bietet Raum für Interpretationen." Die gleiche Wirkung beansprucht er für Niessing-Schmuckstücke, die kraft ihrer Reduktion zum Gedankenspiel aufforderten, statt dem Betrachter ihre Bedeutung aufzudrängen. Mag der Vergleich zwischen freier Kunst und Goldschmiedehandwerk auch sehr selbstbewusst klingen, vermessen ist er - von Amts wegen - nicht: "Das Design unserer Spannringe wurde 2001 vom Düsseldorfer Oberlandesgericht zum Kunstwerk erklärt", berichtet Küchler vom Ausgang eines Patentverfahrens.
Simplizität und Opulenz
Die Formensprache reduzierten Schmuckdesigns schwört der Geschwätzigkeit ab. Einsilbig ist sie darum keineswegs. Organisch, grafisch, sachlich, sinnlich, bescheiden, kühn: die Vielfalt der Entwürfe spricht unterschiedliche Geschmäcker an. Manche Stücke befriedigen sogar widersprüchliche Wünsche. So bietet H. Stern in seiner aktuellen Schmuckkollektion einen einfachen, quadratischen Ring aus Gelbgold an, in dessen Schultern quadratische Diamanten eingelassen sind. Ein zurückhaltendes, maskulines Stück - aus dem frech und begehrlich wie Tentakel einige Zacken erwachsen, die einen unverschämt großen Zitrin halten. Der Ring erinnert an Oscar Niemeyers berühmte Kathedrale von Brasília, stellt deren verwegene Konstruktion jedoch auf den Kopf. Simplizität und Opulenz, vereint in ein und demselben Schmuckstück.
Konzentration statt Zerstreuung, dieser Fokus zieht sich leitmotivisch durch den modernen Schmuckminimalismus. Auch bei Bulgari grübeln Designer, bis das Ideal erreicht ist. Cabochon nennt die Schmuckindustrie einen gewölbt geschliffenen Edelstein, und Bulgari baut einen Cabochon-Ring - ohne Cabochon. Nur die Form zählt bei dem massiven, rundlichen Schmuckstück aus Gelb-, Weiß- oder Roségold, über dessen Basis sich der Ringkopf wie eine fliegende Untertasse erhebt.
Diese Askese werde das Design so schnell nicht wieder loslassen, mutmaßt Niessing-Chefdesigner Timo Küchler, schon allein deshalb, weil andere Materialien salonfähig würden. "Holz, Blech, Stein, Edelstahl und Silikon. Nicht nur wir experimentieren damit. Die Gesellschaft wandelt sich und mit ihr der Geschmack für das Schöne." Bis sie reif ist für diese nächste Stufe der Ästhetik, könnten allerdings noch 10, 20 Jahre vergehen. Zeit genug für Walter Wittek, in seinem Atelier an einem neuen Clou zu feilen. Als Bildhauer kennt er aus Prinzip keine Scheu vor ungewöhnlichen Materialien. Trotzdem muss Wittek warnen: Er sei eigentlich gar kein Minimalist. "Ich bin Optimalist", sagt er, "und bedingungsloser Optimist."
MITARBEIT: JENNIFER GRESS
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