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Diamantenfieber in Botswana


Handelsblatt, 9.1.2006

Von W. Drechsler
Im südlichen Afrika kratzen die Bergleute die teuersten Edelsteine aus dem Boden.

GABORONE. Lange ist auf der Fahrt nach Westen nichts als braune Steppe und Geröll zu sehen. Hier und da zweigt eine kleine Schotterpiste ab, die schnurgerade durchs trockene Buschgras schneidet und sich am Horizont verliert. Es hat seinen Grund, dass Botswana in der Sprache seiner Bewohner „lechzendes Land“ heißt.

Doch dann klafft plötzlich eine riesige offene Wunde im Boden, aufgerissen von Baggern so groß wie ein mehrstöckiges Haus. 320 Meter tief ist die im Tagebau betriebene Mine von Jwaneng, 160 km westlich der Hauptstadt Gaborone. Über 13 Millionen Karat haben die 2 300 Arbeiter und Ingenieure hier im vergangenen Jahr aus dem steinigen Boden gekratzt, mehr als aus jeder anderen Diamantenmine.

Insgesamt hat Botswana in seinen vier Gruben 33 Millionen Karat gefördert – das sind 30 Prozent der weltweiten Produktion. Damit ist das Land vor Russland weltgrößter Diamantenförderer.

Bis die edlen Steine auf der Ladentheke liegen, müssen jedoch erst einmal Unmengen an Gestein gebrochen und zermahlen werden. Um den Fels von Jwaneng zu baggertauglichem Brei zu zerkleinern, wird hier pro Detonation bis zu 1 600 Kilogramm flüssiger Sprengstoffs in die Bohrlöcher gefüllt. Nach jeder Sprengung gibt es bis zu zwei Millionen Tonnen Gesteinsbrei abzufahren.

Verwendet werden dazu drei riesige Bagger mit einem Schaufelvolumen von mehr als 40 Tonnen sowie drei kleinere mit 20 Tonnen pro Schippe. Sie schaufeln pro Tag 70 000 Tonnen Erz und Geröll und zwar rund um die Uhr – 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.

Daneben müssen gewaltige Mengen Grundwasser abgepumpt werden. Der Aufwand ist jetzt schon enorm, doch das gigantische Loch soll doppelt so tief werden. 650 Meter tief wollen die Ingenieure den Tagebau in die Erde treiben. „In vielleicht 20 Jahren machen wir unterirdisch weiter“ sagt der deutschstämmige Ingenieur Axel Schultz. Bis auf 800 Meter, vielleicht sogar noch etwas tiefer, erst dann dürften die diamantführende Schichten, die im Fachjargon „Pipes“ heißen, endgültig erschöpft sein.

In den „Pipes“, den vulkanischen Durchschlagsröhren, lagern die vor Millionen von Jahren unter immensem Druck zu Kristallen geformten Kohlenstoffatome. Für Debswana, den Betreiber der Mine, besteht die wichtigste Aufgabe darin, den Durchmesser einer solchen Durchschlagsröhre zu bestimmen und den Verlauf nach unten zu berechnen. In Jwaneng misst die Röhre vier mal zwei Kilometer. Die Diamanten haben Botswana einen unerwarteten Geldsegen beschert. Als das frühere britische Protektorat vor 40 Jahren von London in die Unabhängigkeit geschickt wurde, galt das Wüstenland von der Fläche Frankreichs als zweitärmster Staat der Welt. Wenig später entdeckten dann Prospektoren des südafrikanischen Diamantenriesen De Beers am Rand der Kalahariwüste die ersten Edelsteine.

„Wahrscheinlich haben sich die Briten schwarz geärgert“, schmunzelt Oduetse Motshidisi, der Vize- Direktor der botswanischen Zentralbank. Heute stammen 75 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes aus dem Verkauf der Rohdiamanten.

Anders als fast alle anderen Staaten in Afrika ist Botswana mit seinem Reichtum sorgsam umgegangen. Seine Regierung leistet sich Sozialprogramme, auf die selbst der große Nachbar Südafrika mit Neid schaut. Dazu zählen die freie Schulausbildung und eine kostenlose Gesundheitsfürsorge. Kein Einwohner lebt mehr als 15 Kilometer vom nächsten Gesundheitszentrum entfernt. Und jeder hat Zugang zu sauberem Trinkwasser. Daneben wird ein Gutteil des Geldes aus der Diamantenförderung in den Ausbau des Straßen und Telefonnetzes gesteckt. „Als wir 1966 unabhängig wurden, gab es ein knapp fünf Kilometer langes Stück Teerstraße und vier höhere Schulen“ erzählt Motshidisi. „Heute haben wir 6 000 Kilometer guter Straßen, ein digitales Telefonnetz, Mobilfunk und Hochgeschwindigkeits-Internetzugang.“ Fast alles wurde aus dem Verkauf der Rohdiamanten finanziert. Gehoben wird dieser Schatz von Debswana, einem Gemeinschaftsunternehmen der Regierung und des südafrikanischen Diamantenkonzerns De Beers. Daneben hält der botswanische Staat einen Anteil von zehn Prozent an De Beers selbst – „damit wir wissen, was die Herren in Kimberley und Johannesburg so treiben“ sagt Motshidisi.

Unter Experten gelten die vier Minen in Botswana als „absolut sicher“ wie ein Johannesburger Broker meint. Alle sind hoch umzäunt und scharf gesichert. Um keinen in Versuchung zu bringen, bleibt das Objekt der Begierde beim Abbau fast völlig verborgen. Aus der Grube wird das gesprengte Gestein sofort von überdimensionierten Lastern zum Mahlwerk transportiert, wo es riesige Mühlen zermahlen. Rüttelroste und starker Wasserdruck trennen die edlen Steine vom nutzlosen Rest.

Fein zerkleinert wird das Erz nun auf seine zweite und letzte Reise geschickt – ins so genannte „Aquarium“, einem hermetisch abgeriegelten Turm gleich neben der Fabrik. Mittels Laser und Röntgenstrahlen werden die Steine nun noch vollautomatisch vermessen und ihre genaue Karatzahl ermittelt. Am Ende der Kette werden die gesäuberten Steine in automatisch schließende Container verpackt – wiederum ohne von einer menschlichen Hand berührt zu werden.

Die Behälter werden dann unter Bewachung einer Spezialeinheit der Polizei in die Hauptstadt Gaborone geschafft, wo die Diamanten im Sicherheitstrakt der Botswana Diamond Valuing Company sortiert und bewertet werden. Von dort gelangen sie per Flugzeug zur Diamond Trading Company in London, die alle Edelsteine von De Beers vermarktet und verkauft.

„Der Produktionsprozess verläuft quasi in einem gigantischen Safe“, resümiert ein Johannesburger Diamantenhändler. Wirklich funkeln dürfen die edlen Steine erst jenseits ihrer afrikanischen Heimat – in den Händen der versierten Schleifer in Antwerpen, Bombay oder Tel Aviv.

HANDELSBLATT, Sonntag, 09. Januar 2006, 14:10 Uhr